6.9 Auswertung der Bilanz und der Gewinn- und Verlustrechnung
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Nach der Aufstellung des Jahresabschlusses kann das Unternehmen seine wirtschaftliche Lage beurteilen. Die ermittelten absoluten Zahlenwerte aus der Gewinn- und Verlustrechnung sowie aus der Bilanz sind allerdings allein für sich betrachtet wenig aussagekräftig.
Um die wirtschaftliche Lage besser beurteilen zu können, werden Jahresabschlussanalysen durchgeführt. Dabei werden aus den Bilanzposten und den Werten der Gewinn- und Verlustrechnung Kennzahlen gebildet, die die wirtschaftliche Lage des Unternehmens besser bewerten und beurteilen können.
Diese Kennzahlen können dann mit den Kennzahlen vorangegangener Jahre verglichen werden, um eine Aussage zur Entwicklung des Unternehmens machen zu können. Beim Vergleich der Kennzahlen mit denen vorangegangener Jahre wird von einem innerbetrieblichen Vergleich gesprochen.
Die Kennzahlen können zudem genutzt werden, um die wirtschaftliche Situation eines Unternehmens im Vergleich zu anderen Unternehmen der gleichen Branche zu bestimmen. Als Vergleichswerte werden dann Durchschnittswerte einer Branche hinzugezogen. Hierbei handelt es sich um einen zwischenbetrieblichen Vergleich (auch Betriebsvergleich).
Die wirtschaftliche Situation eines Unternehmens kann durch die Auswertung der Bilanz und der Gewinn- und Verlustrechnung anhand unterschiedlicher Kennzahlen erfolgen. Dabei können sich die Kennzahlen auf Bilanzposten und auf Posten der Gewinn- und Verlustrechnung beziehen.
Die Schlussbilanz allein ist wenig aussagekräftig. Um wichtige betriebswirtschaftliche Zusammenhänge sichtbar zu machen, werden die Bilanzposten in ein direktes Verhältnis zueinander gesetzt.
Dazu wird im ersten Schritt die Bilanz, zur besseren Übersichtlichkeit, formal aufbereitet, indem die Bilanzpositionen in übersichtliche Hauptgruppen zusammengefasst werden. Das Ergebnis wird als Strukturbilanz bezeichnet.
Ziel der Strukturbilanz ist die Gegenüberstellung der Mittelherkunft und Mittelverwendung. Aus ihr lassen sich die Bilanzkennzahlen schnell ermitteln. Für die Strukturbilanz werden bestimmte Bilanzposten zusammengefasst.

Im nächsten Schritt können aus der Strukturbilanz die Bilanzkennzahlen ermittelt werden. Bei den Bilanzkennzahlen wird zwischen vertikalen und horizontalen Bilanzkennzahlen unterschieden.
Kennzahlen für das Verhältnis von Bilanzposten auf der Passiva-Seite geben eine Auskunft über die Kapitalstruktur. Die wichtigsten Kennzahlen sind
- Eigenkapitalquote
- Fremdkapitalquote
- Verschuldungsgrad
Kennzahlen für das Verhältnis von Bilanzposten auf der Aktiva-Seite geben eine Auskunft über die Vermögensstruktur, wie die
- Anlageintensität
- Umlaufintensität
Kennzahlen zur Kapitalstruktur
- eine bessere Kreditfähigkeit
- eine gute Absicherung gegenüber unerwarteten Verlusten
- eine geringere Abhängigkeit von Gläubigern
Berechnung der Eigenkapitalquote
Gesamtkapital = 100 %
Eigenkapital = x %

Der Verschuldungsgrad ist eine alternative Kennzahl zur Fremdkapitalquote.
Sie stellt das Verhältnis vom Fremdkapital zum Eigenkapital dar und trifft eine Aussage über den finanziellen Spielraum des Unternehmens.
Der Grad der Verschuldung sollte geringer als 200 Prozent sein, das bedeutet das Fremdkapital sollte höchstens doppelt so hoch wie das Eigenkapital sein.
Berechnung der Verschuldungsgrad
Eigenkapital = 100 %
Fremdkapital = x %

Kennzahlen zur Vermögensstruktur
Eine hohe Anlagenintensität steht für
- eine hohe langfristige Kapitalbindung
- hohe Fixkosten (Abschreibungen, Wartungs- und Betriebskosten, ggf. Fremdkapitalzinsen)
- hoher Kapitalbedarf bei Ersatzinventionen
Eine hohe Umlaufintensität kann bedeuten, dass ein Unternehmen
- schnell auf Beschäftigungsschwankungen reagieren kann
- über zu hohe Lagerbestände verfügt
- die Deckungsgrade, die die Deckung des Anlagevermögens durch langfristiges Kapital beschreiben
- Anlagedeckungsgrad I
- Anlagedeckungsgrad II
- die Liquiditätsgrade, welche die Fähigkeit eines Unternehmens kurzfristige Verbindlichkeiten zum Zeitpunkt der Fälligkeit begleichen zu können, bewerten
- Liquidität des ersten Grades
- Liquidität des zweiten Grades
- Liquidität des dritten Grades
Kennzahlen zur Anlagedeckung
Anlagedeckungsgrade geben Auskunft über die langfristige Finanzierung eines Unternehmens. Es kann der Anlagedeckungsgrad I und der Anlagedeckungsgrad II berechnet werden.
Der Anlagedeckungsgrad II gibt den Anteil des Anlagevermögens, der durch das langfristige Kapital gedeckt ist, an. Bei einem Anlagedeckungsgrad II von über 100 % wird von einer gesicherten Finanzierung gesprochen.
Berechnung des Anlagedeckungsgrad II
Anlagevermögen = 100 %
(Eigenkapital + langfristiges Fremdkapital) = x %

Kennzahlen zur Liquidität
Die Liquiditätsgrade geben Auskunft über die kurzfristige Finanzierung und damit über die Fähigkeit eines Unternehmens, seine kurzfristigen Verbindlichkeiten zum Zeitpunkt der Fälligkeit begleichen zu können. Sie bewerten die Zahlungsfähigkeit des Unternehmens.
Es werden 3 Grade der Liquidität unterschieden.
Sie wird auch als Barliquidität bezeichnet und stellt das Verhältnis der flüssigen Mittel (Kasse und Bank) zu den kurzfristigen Verbindlichkeiten dar. Die Liquidität ersten Grades sollte i. d. R. 20 bis 30 % betragen.
Berechnung der Liquidität ersten Grades
Kurzfristiges Fremdkapital = 100 %
Flüssige Mittel = x %
Diese wird auch als einzugsbedingte Liquidität bezeichnet. Sie stellt das Verhältnis der flüssigen Mittel und der Forderungen zu den kurzfristigen Verbindlichkeiten.
Hier findet eine der goldenen Bilanzierungsregel bei der Beurteilung Anwendung. Nach dieser Regel sollte das kurzfristige Vermögen mindestens das kurzfristige Kapital decken, sodass die Liquidität des zweiten Grades über 100 % betragen sollte. Bei einem Wert von 100 % ist das Unternehmen in der Lage, die kurzfristig fälligen Verbindlichkeiten durch kurzfristig verfügbare Mittel auszugleichen.
Liegt sie unter 100 %, so gilt die Zahlungsfähigkeit des Unternehmens als gefährdet.
Berechnung der Liquidität des zweiten Grades
Kurzfristiges Fremdkapital = 100 %
(Flüssige Mittel + Forderungen) = x %

Die umsatzbedingte Liquidität stellt das Verhältnis des Umlaufvermögens zu den kurzfristigen Verbindlichkeiten dar. Der Richtwert liegt zwischen 120 % und 200 %. Ein zu hoher Wert kann entstehen, wenn zu viele Produkte gelagert sind, die das Kapital binden.
Ergibt sich ein Wert von unter 100 %, so liegt ein Verstoß gegen die goldene Bilanzierungsregel vor, da dann langfristiges Anlagevermögen kurzfristig finanziert worden wäre.
Berechnung der Liquidität des dritten Grades
Kurzfristiges Fremdkapital = 100 %
Umlaufvermögen = x %
Die Liquiditätsgrade auf Grundlage von Bilanzkennzahlen haben lediglich eine sehr eingeschränkte Aussagekraft.
Das liegt u.a. damit zusammen, dass die Bilanz nur die Situation am Bilanzstichtag darstellt, und somit Werte als Berechnungsgrundlage dienen, die in der Vergangenheit liegen. Die Posten des Umlaufvermögens und das kurzfristige Fremdkapital verändern sich jedoch täglich, i. d. R. sogar mehrmals täglich.
Zudem gibt die Bilanz über bestimmte Faktoren, wie bspw. die Fälligkeitstermine, die einen Einfluss auf die Liquidität haben, keine Auskunft.
Bei den Kennzahlen der Rentabilitäten finden Werte aus der Gewinn- und Verlustrechnung bei der Beurteilung Berücksichtigung.
Rentabilitäten beschreiben das Verhältnis zwischen dem erzielten Unternehmenserfolg und den eingesetzten Mitteln. Sie liefern Antworten auf die Frage wie effizient (oder rentabel) ein Unternehmen innerhalb eines Zeitraums mit dem bereitgestellten Kapital gewirtschaftet hat.
Zu den Kennzahlen aus dem Ergebnisberiech gehören:
- Kapitalrentabilitäten
- Eigenkapitalrentabilität
- Gesamtkapitalrentabilität
- Umsatzrentabilität
- Wirtschaftlichkeit
Bei den Kapitalrentabilitäten wird der erzielte Unternehmenserfolg in Bezug zum eingesetzten Kapital gesetzt.
Eigenkapitalrentabilität
Die Eigenkapitalrentabilität, auch Unternehmerrentabilität oder Eigenkapitalrendite, gibt Auskunft über das Verhältnis des Unternehmenserfolg zum Eigenkapital.
Da sich das Eigenkapital durch jeden erfolgswirksamen Geschäftsvorgang verändern, wird bei der Berechnung von durchschnittlichen Eigenkapital ausgegangen.

Berechnung der Eigenkapitalrentabilität
Ø Eigenkapital = 100 %
Gewinn = x %

Gesamtkapitalrentabilität
Die Gesamtkapitalrentabilität, auch Unternehmensrentabilität oder Gesamtkapitalrendite, berücksichtigt das gesamte eingesetzte Kapital unabhängig von seiner Herkunft.
Sie ist aussagekräftiger, da der sogenannte Hebeleffekt keine Rolle spielt.
Hebeleffekt (auch Leverage-Effekt)
Durch die Aufnahme von Fremdkapital für Investitionen kann der Gewinn steigen. Der gestiegene Gewinn geht dann auf die Aufnahme des Fremdkapitals zurück.
Wenn des Eigenkapital unverändert bleibt und der Gewinn steigt, führt dies zu einer Erhöhung der Eigenkapitalrentabilität. Würde heißen, dass das eingesetzte Eigenkapital ergiebiger geworden ist, obwohl der Grund für die Gewinnsteigerung die Zunahme des Fremdkapitals ist.
Damit Rentabilitäten vergleichbar sind, müssen zum erzielten Jahresgewinn die Fremdkapitalzinsen dazu gerechnet werden. Da Fremdkapitalzinsen den Erfolg schmälern, wäre bei einer Nichtberücksichtigung der Zinsen die Gesamtkapitalrentabilität abhängig von der Fremdkapitalquote.
Berechnung der Gesamtkapitalrentabilität
Ø Gesamtkapital = 100 %
(Gewinn + Fremdkapitalzinsen) = x %
Bei der Umsatzrentabilität, auch Umsatzrendite, wird der Gewinn zu den Umsatzerlösen ins Verhältnis gesetzt.
Die Kennzahl gibt an, welcher Prozentsatz des Umsatzes dem Unternehmen als Gewinn zur Verfügung steht. So würde eine Umsatzrendite von 6% bedeuten, dass mit jedem umgesetzten Euro ein Gewinn von 6 Cent erzielt wurde.
Berechnung der Umsatzrentabilität
Umsatzerlöse = 100 %
Gewinn = x %

Sie gibt das Verhältnis des Unternehmenserfolgs zu den eingesetzten Aufwendungen an. Liegt die Kennzahl im positiven Bereich (> 1) arbeite das Unternehmen wirtschaftlich.
Berechnung der Wirtschaftlichkeit
